Die Fußball-Weltmeisterschaft und die Slums

5 03 2010

Freitag, 5. März 2010

Marx21.de | – Zwanzig Jahre nach der Freilassung Nelson Mandelas wird die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika ausgetragen. Viv Smith wirft einen Blick hinter die schöne Kulisse und beschreibt die Auswirkungen auf die einfachen Menschen.

Über 40 Jahre lang wurde die schwarze Bevölkerung in Südafrika unterdrückt. Unter dem System der Rassentrennung, gennant Apartheid, wurden den schwarzen Südafrikanern alle demokratischen Rechte verweigert. Einer der führenden Kämpfer gegen die Apartheid war Nelson Mandela.

Als er im Jahr 1990 aus dem Gefängnis entlassen wurde, kamen 50.000 Menschen, um ihn reden zu hören. »Unser Marsch zur Freiheit ist unumkehrbar«, rief er ihnen zu. Hilda Ndude war damals dabei: »Wir waren unglaublich optimistisch«, sagt sie. »Wir wussten, ein neues Südafrika wurde geboren.«
Zwanzig Jahre später schwindet dieser Optimismus von Tag zu Tag mehr.

Die Fußball-Weltmeisterschaft wird im Juni dieses Jahres in Südafrika ausgetragen. Die Augen der ganzen Welt werden wieder auf dieses Land gerichtet sein. Doch was die wenigsten Kameras zeigen werden, ist die Rückkehr einer Praxis, die eng mit dem Südafrika der Apartheid verbunden ist: die Zwangsräumung von Schwarzen aus ihren Häusern.

Nach dem Zuschlag für die Fußball-WM im Jahr 2007 erklärte der damalige Präsident Südafrikas, Thabo Mbeki, dies sei »ein Moment, da Afrika aufrecht und entschlossen den Jahrhunderten der Armut und Konflikte den Rücken kehrt«.

Für die Mehrheit der Südafrikaner dagegen symbolisieren die riesigen Fußballstadien Vergeudung von dringend benötigten Mitteln. Der Stadtrat von Johannesburg hat beispielsweise wegen Überschreitung der Baukosten seinen Haushalt um über 90 Millionen Euro gekürzt. Die Einzelspiele werden bis zu 650 Euro kosten. Dagegen steht ein Wochenlohn von durchschnittlich 60 Euro für einen Bauarbeiter.

Die Arbeiter, die die Stadien errichteten, werden sich jedenfalls keine Eintrittskarten leisten können. »Das zeigt, wie tief die Klassenspaltung in unserem Land ist«, sagt Castro Ngobese von der Metallarbeitergewerkschaft Numsa. »die Menschen können sich nicht einmal die notwendigsten Dinge wie Brot, Milch und ein anständiges Mahl leisten.«

Riesige Barackensiedlungen werden als Müllkippe für die Stadtarmen gebaut, um die Menschen um das Riesenstadion und andere Bauprojekte herum aus dem Blickfeld zu verbannen. Dreißig Kilometer von der Stadtmitte Kapstadts entfernt befindet sich ein Ort, den die Anwohner Blikkiesdorp, »Blechdosenstadt«, nennen.

Endlose Reihen von drei mal sechs Meter großen Wellblechhütten wurden hier aufgestellt, in denen ganze Familien in einem einzigen Raum leben müssen. Das Wellblech lässt sich locker mit einer Schere aufschneiden (zu den Fotos der Anti-Eviction-Campaign …). Die Hütten stehen auf einer weiten staubigen. Jeweils vier Bewohner müssen sich Wascheinrichtungen, Toilette und einen Wasserhahn teilen. Der Ort liegt weit entfernt von den Arbeitsplätzen der Leute, und die Verkehrsanbindung ist schlecht. Viele der Bewohner leiden unter HIV/Aids, können aber keine Klinik aufsuchen.

In der südafrikanischen Presse wurden diese eingezäunten und polizeilich bewachten Gebiete bereits als Konzentrationslager bezeichnet. Ziettha Meyer wurde von einer Sozialarbeiterin in die »Blechdosenstadt« gebracht. Diese drohte ihr mit Gefängnis, sollte sie sich weigern, mitzukommen. »Sie setzte uns wie einen Hühnerhaufen ab«, sagt sie, »wir hatten keine Wahl.« Nach dem neuen Slumgesetz kann jeder, der den Anweisungen zum Unzug nicht folgt, für fünf Jahre ins Gefängnis wandern. Für den Stadtrat von Kapstadt dagegen ist Blikkiesdorp das »vorübergehende Umsiedlungsgebiet Symphony Way«.

Er hat versucht, Menschen aus schwarzen Townships wie Joe Slovo »umzusiedeln«, die sich entlang der Strecke vom Internationalen Flughafen Kapstadt bis in die Stadtmitte ziehen. Joe Slovo ist eine seit langem bestehende »informelle Siedlung« in Langa, dem ältesten schwarzen Township in der Provinz Westkap. Die Organisatoren der Fußball-WM nennen sie einen »Schandfleck« und wollen, dass sie verschwindet. Aber die 20.000 Einwohner dort haben Widerstand geleistet. Sie haben, seit die Austragung der Fußball-WM in Südafrika bekannt gegeben wurde, erfolgreich ihre Umsiedlung verhindert.

Über 70.000 der bei Projekten der Fußball-WM beschäftigten Arbeiter sind für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen in den Streik getreten. »Wir kämpfen nicht für Brot – wir kämpfen für die Krumen«, sagt Lesiba Seshoka, ein Sprecher der Bergarbeitergewerkschaft.

Es wurden 500.000 Arbeitsplätze versprochen, aber bis jetzt im Stadionbau nur 22.000 geschaffen. Da das Statistische Amt Südafrikas feststellte, dass die Beschäftigung im Baugewerbe von 2007 bis 2008 um 22.000 Arbeitsplätze gesunken ist, ist der Zuwachs also gleich null.

Die höchstbezahlten Tätigkeiten gehen an weiße Arbeiter. Subunternehmer und Arbeitsvermittler dürfen im Gegenzug für die »Schaffung von Arbeitsplätzen« die Arbeiter mit Dreimonatsverträgen anstellen. Auf diese Weise ist es leichter, sie wieder loszuwerden. Zudem ist die Arbeit gefährlich – Arbeitsmediziner und Sicherheitsinspektoren bezeichneten 52 Prozent der Fußball-WM-Baustellen als mangelhaft.

Aber die Arbeiter haben sich gewehrt. Sie traten in den vergangenen drei Jahren 26-mal in den Streik und konnten ernsthafte Zugeständnisse, wie kostenlose Werksfahrten, eine 12-prozentige Lohnerhöhung und Zuschläge, erkämpfen. Auch Arbeiter in der Hotelbranche hielten eine Reihe Streiks und Demonstrationen ab. Sie drohen mit Streiks während der Fußball-WM, wenn ihre Forderungen nach Lohnerhöhung nicht erfüllt werden.

Zodwa Nsibande ist Chefin der Jugendliga von Abahlali base Mjondolo. Abahlali base Mjondolo ist Teil der Protestbewegung von Slumbewohnern. Die Organisation wurde zum Schutz der Bewohner gegründet und leistet ihnen juristischen Beistand. Zodwa Nsibande ist wütend: »Die Menschen werden aus ihren Häusern gezwungen und wie Tiere behandelt.

Wir leben unter permanenter Bedrohung. Die Menschen haben Angst, irgendwohin zu gehen, denn wenn sie zurückkommen, wird dort irgendetwas hingebaut sein.« Es gibt es Widerstand gegen die Umsiedlung, denn Millionen Menschen in »informellen Siedlungen« haben ihr Leben lang an dem Aufbau eines Gemeinschaftswesens und den damit verbundenen Organisationen gearbeitet.

Von offizieller Seite werden die Umsiedlungsgebiete als »vorübergehend« bezeichnet. Aber viele Leute leben dort jetzt schon seit vier oder fünf Jahren, ohne dass es Anzeichen für eine Rückumsiedlung in richtige Wohnungen gibt. All das ist inzwischen zu einem üblichen Muster bei internationalen Großereignissen geworden. In den vergangenen 20 Jahren wurden allein für die Olympischen Spiele etwa zwei Millionen Menschen entwurzelt.

In Südafrika wurde die Polizei auch angewiesen, für die Fußball-WM die Straßen von Obdachlosen zu säubern. Der obdachlose Isaac Lewis wurde im vergangenen Monat sechsmal wegen »Herumlungerns« verhaftet. »Die Polizeischikanen nehmen zu«, sagt er. »Sie wollen einen guten Eindruck auf die ausländischen Besucher machen. Wir sind für sie wie lästige Insekten.«

Um die Kriminalität während der Fußball-WM einzudämmen, hat der Polizeichef Südafrikas, Bheki Cele, gefordert, dass seine Beamten sogar den gezielten Tötungsschuss abgeben dürfen. In der Provinz Kwazulu-Natal (KZN) wurden Einheiten mit dem Namen »Rote Ameisen« gebildet, die Barackensiedlungen abreißen. Der Stadtmanager von KZN, Mike Sutcliffe, verbot die erste Slumbewohnerdemonstration im November 2009. Als die Bewohner dennoch losmarschierten, schoss die Polizei.

All diese Maßnahmen werden allein zum Schutz der Milliarden-Euro-Investitionen in das Sportereignis ergriffen. Das neue Stadion von Kapstadt ist der teuerste Bau, der jemals in Südafrika errichtet wurde. Das »Giraffenstadion« (»Giraffe« wegen seiner Trägerkonstruktion) in Nelspruit wurde auf 118 Hektar historischem Land der Matsafene, einem Swazi-Stamm, gebaut.

Die Swazi wurden gewaltsam von ihrem Land vertrieben. Der vom African National Congress, der alten Widerstandsorganisation der Schwarzen, dominierte Stadtrat bot ihnen als Entschädigungszahlung umgerechnet 10 Cent an.

Die Betroffenen klagten. Der Richter am Obersten Gerichtshof, Ntendeya Mavundla, verglich die Mitglieder des Stadtrats mit »Kolonialisten, die sich das Land der afrikanischen Ureinwohner für ein paar glänzende Knöpfe und Handspiegel unter den Nagel reißen«.

Die Fifa bezieht als Ausrichterin der Fußball-WM 94 Prozent ihrer Einnahmen aus Sponsorengeschäften und setzt ihre »Rechte« rücksichtslos durch. In Südafrika spricht die Fifa davon, gegen »Eventpiraten« vorzugehen, die »versuchen, Profit aus einem Ereignis zu schlagen, zu dem sie nichts beigetragen haben«. Die sogennanten Eventpiraten sind arme Straßenhändler, von denen es in Südafrika eine halbe Million gibt. Von ihrer Arbeit hängt das Überleben von Millionen Menschen und ihren Familien ab.

In der Provinz Kwazulu-Natal werden beispielsweise täglich 28.000 Tonnen gekochte Maiskolben auf den Straßen verkauft. Die Fifa wird darauf bestehen, dass kein »inoffizieller« Straßenhändler in den Stadionbereich hinein kommt. Schon jetzt wurden Straßenküchen mit billigem Essen, die die Bauarbeiter in den Stadien versorgten, vertrieben und durch teure private Cateringfirmen ersetzt.

Die Stadien sind hunderte Kilometer voneinander entfernt, die Sportfans werden also in der Regel per Flugzeug zwischen den Stadien hin und her pendeln. Diese zusätzlichen Reisen werden einen Kohlenstoffausstoß von schätzungsweise 2,8 Millionen Tonnen mit sich bringen.

Auf diese Weise wird die Fußball-WM 2010 mit die größten ökologischen Auswirkungen der Sportgeschichte haben. Was tut die Regierung dagegen? Das Bildungsministerium ist eine »Partnerschaft« mit Coca-Cola eingegangen, um Schülern das Recyceln beizubringen – dafür erhalten sie kostenlos Eintrittskarten für die Fußball-WM.

Die »Partnerschaft« wird aber nichts dazu beitragen, die ökologischen Folgen oder die durch den Fluch der Fußball-WM weiter wachsende Armut zu lösen. Am Ende wird das südafrikanische Schulsystem lediglich ein wunderbares Werbefeld für Coca-Cola sein.

Bauunternehmer des Stadions räumten eine örtliche Schule und benutzen die Klassenzimmer seitdem als Büros. Die Kinder erhalten jetzt in drei Kilometer entfernten Schiffscontainern Unterricht. Die Container sind stickig und feucht. Ständig werden Schüler ohnmächtig. Als Nelson Mandela freigelassen wurde, versprach er der herrschenden Klasse der Welt, dass der ANC zwar die Apartheid, nicht aber den Kapitalismus abschaffen werde.

Der Kampf gegen die Apartheid war einer der mutigsten des 20. Jahrhunderts gewesen. Ein rücksichtsloses rassistisches System wurde am Ende durch die Bewegung der schwarzen Arbeiter und die Aufstände in den Gemeinden geschlagen. Solange das kapitalistische System jedoch bestehen bleibt, bleibt auch die Ungleichheit. Die kommende Fußball-WM in Südafrika erinnert die Menschen täglich daran, was die Herrschaft des Neoliberalismus bedeutet. Nach 46 Jahren Apartheid und 15 Jahren ungehemmter Marktwirtschaft wartet die Mehrheit der Südafrikaner immer noch auf Freiheit.

Zum Text:
Der Artikel erschien zuerst auf Englisch in der britischen Zeitung »Socialist Worker«, Ausgabe vom 13.02.2010. Übersetzung ins Deutsche von Rosemarie Nünning.

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