Die Kraft zum Weitermachen

13 02 2010

Von Natalie Soondrum
Zwanzig Jahre nach Nelson Mandelas Haftentlassung ist Südafrika derzeit vor allem wegen der bevorstehenden Fußball- Weltmeisterschaft im Fokus der Medien. Beides Gründe, um die einstige schwarzafrikanische Vorzeige-Nation ins Zentrum des 16. Frankfurter Africa-Alive-Festivals zu rücken, unter anderem durch ein umfangreiches Filmprogramm.

Wer schon mitbekommen hatte, dass am Rande der WM-Vorbereitungen Slums geräumt werden, dem bestätigte der Dokumentarfilm “When the Mountain meets its Shadow” (2009) der deutschen Filmkooperative Dok-Film die schlimmsten Befürchtungen. Das Township Delft in der Nähe des Flughafens von Kapstadt ist eine Siedlung kleiner Häuser hinter Stacheldrahtzaun. Auf der anderen Straßenseite leben die ehemaligen Bewohner in schäbigen Wellblechhütten.

“Sie kamen ohne Ankündigung, waren bewaffnet und haben uns aus unseren Häusern getrieben. Wer versuchte, seine Habseligkeiten mitzunehmen, auf den haben sie geschossen”, erzählt ein junger Mann in die Kamera. Im Kopf der Zuschauerin werden die Bilder brutaler Überfälle auf Townships aus “Cry Freedom” (1987) von Richard Attenborough wieder lebendig. Und alles wegen der WM?



Tatsächlich hat die Räumung 2009 mehr mit der Privatisierung des sozialen Wohnungsbaus in Südafrika zu tun. Auch Wasser und Strom sind nicht mehr in öffentlicher Hand, was zu einem eklatanten Anstieg der Preise geführt hat, die die Bewohner nicht mehr bezahlen können.

Die Organisation “Anti Eviction Campaign” hilft den Armen

Die Rassen-Apartheid ist durch die des Kapitals ersetzt worden: “Sie nennen uns Eaters and Sleepers. Wir sind für das Kapital nutzlos, deshalb werden wir sterben, wenn wir uns nicht wehren”, erklärt Ashraf von der Organisation Anti Eviction Campaign. Gemeinsam mit seinem Freund Mne hilft er Menschen, ihre Häuser – illegal – wieder an die Wasserversorgung anzuschließen und gegen Räumungen zu klagen.

Höhepunkt des Films, der gänzlich ohne Off-Erzähler auskommt, ist die Szene, in der Ashraf und Mne sich an die Zeit der Anti-Apartheid-Bewegung erinnern. Mne war als 15-Jähriger festgenommen und gefoltert worden: “Wer Zugeständnisse machte, kam früher frei und wurde dafür von den ANC-Aktivisten an Autoreifen gefesselt und verbrannt.”

Die Verletzungen, die die Apartheid bei der schwarzen Bevölkerung hinterlassen hat, sind auch Thema der ersten südafrikanischen Produktion “Fools” (1997) von Ramadan Suleman: Zamani, Lehrer im Township Charteston in Johannesburg, hat Zanis Schwester Mimi, die seine Schülerin ist, vergewaltigt.

Während der politisch aktive Zani und Zamani ihre Energie in einer Scheinkonfrontation verpuffen, sind es ihre Frauen und Mütter, die die Familien emotional aufrecht erhalten – ohne ein Fitzelchen Macht in den Händen zu halten.

“Shirley Adams” greift das Bild der starken Frau wieder auf

“Shirley Adams” (2009), der erste Spielfilm von Oliver Hermanus, greift das Bild der starken Frau wieder auf. Unsentimental und anhand einfacher Alltagsverrichtungen entsteht ein Porträt vom Leben der weißen Shirley (Denise Newman), deren Sohn Donavan in der Nachbarschaft angeschossen wurde und seitdem gelähmt ist.

Shirley hat ihren Job an den Nagel gehängt hat, um ihren Sohn zu versorgen. Ihr Mann hat sich aus dem Staub gemacht. Shirley kämpft, doch dann ertränkt sich Donavan in der Badewanne, und der Nachbarssohn, Jeremy, gesteht, auf den Freund aus Kindertagen geschossen zu haben. Ein Abgesang auf die einst aufstrebende südafrikanische Mittelklasse.

Eine kaputte Nation also, das heutige Südafrika? Das wäre der falsche Schluss. Mutige und politische Filmemacher – das trifft es eher. Sie machen die gesellschaftlichen Verhältnisse schonungslos sichtbar und fördern auch ihr Potenzial zutage: Miki Redelinghuys Doku “Keiskamma. A Story of Love” (2009) zeigt, wie die weiße Ärztin Carol Hofmeyer-Baker gegen die AIDS-Epidemie im Dorf Hamburg am Ostkap kämpft – Südafrika hat die höchste HIV-Rate der Welt.

Während die Ärztin der armen schwarzen Bevölkerung beibringt, die antiretroviralen Medikamente korrekt einzunehmen, üben sich die Dorffrauen in Bewusstseinsbildung. Sie besticken ein Altarbild, das die Tragödie ihrer Gemeinde abbildet.

Nkululeko wurde als Aids-Waise aufgelesen

Im Zentrum des Films aber steht der 13-jährige Nkululeko, den Hofmeyer-Baker als abszessverkrusteten Aids-Waisen aufgelesen hatte. Der Junge ist schwierig, unzugänglich. Eines Tages bricht es aus ihm heraus: “Ich will sterben, ich will zu meiner Mutter”, brüllt er immer wieder. Er weint zum ersten Mal und mit ihm alle anderen – auch die Zuschauer. Wissend, dass allen aus seiner Krise die Kraft zum Weitermachen erwachsen wird.

Zu guter Letzt sei auf den Kinderfilm “Izulu Lami – My Secret Sky” von Madoda Ncayiyana hingewiesen – bestechend schön mit hinreißenden Darstellern. Die zehn Jahre alte Aids-Waise Thembi (Sobahle Mkhabas) macht sich mit ihrem kleinen Bruder Khwezi (Sibonelo Malinga) auf den Weg in die Stadt, um Geld zu verdienen. Kraft ihrer Fantasie und der Fähigkeit zur Freundschaft, gelingt es ihr, alle realistisch gezeigten Gefahren zu überwinden. Am Ende hat sie Khwezi an der einen und eine Tüte voller Lebensmittel in der anderen Hand.

www.africa-alive.de

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13 02 2010
Josef Cramer

Sehr geehrte Frau Soondrum,

mit Bestürzung habe ich gerade Ihren unglaublich schlecht recherchierten Artikel (Die Kraft zum Weitermachen 13.02.2010) in der Frankfurter Rundschau gelesen.

Darin behaupten Sie: “Tatsächlich hat die Räumung 2009 mehr mit der Privatisierung des sozialen Wohnungsbaus in Südafrika zu tun.” Das ist schlicht falsch. Der soziale Wohnungsbau in Südafrika ist nicht privatisiert worden, sondern es obliegt der jeweiligen Gemeinde das verfassungsmäßig gegebene (Artikel 26) Recht auf Wohnraum herzustellen. (Die Gemeinden sind damit jedoch hoffnungslos überfordert – die Anzahl der informellen Siedlungen stieg seit 1994 permanent.)

Ja, es kam in Delft zu Räumungen, jedoch mit richterlichem Räumungsbeschluss! Dies gleichzusetzen mit Räumungen während der Apartheid ist schlicht weg unseriös. Lesen Sie sich doch mal das Grootboomurteil des Südafrikanischen Verfassungsgericht durch.

Ferner legen Sie nahe, dass die Privatisierung von Strom und Wasser zu steigenden Preisen geführt hat. Eine weitere Behauptung, die einer kritischen Überprüfung nicht standhält. ESKOM ist weiterhin ein Staatskonzern, der offensichtlich von völlig inkompetenten Managern, die dort vom ANC installiert wurden, geführt wird – dies hat zu extremen Preissteigerungen geführt und dazu, dass die Stromversorgung regelmäßig zusammenbricht.

“Eine kaputte Nation also, das heutige Südafrika? Das wäre der falsche Schluss. Mutige und politische Filmemacher – das trifft es eher.” Sehr schön, wenn es jedoch weder die Filmemacher, noch Sie schaffen, eine kritische Betrachtung der Wirklichkeit in Südafrika durchzuführen und permanent in ideologische Klischees verfallen, dann ist es in der Tat eine kaputte Nation.

Herzliche Grüße
Josef Cramer




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